75 Jubiläum


Rede des Präsidiumsvorsitzenden

 Reuven Merhav
zum 75. Jubiläum der Fünften Alija
und des Irguns

(gehalten im Zentrum der Künste in Herzlija,
am Montag, den 29. Oktober 2007)

Sehr geehrter Herr Staatspräsident Shimon Peres; S.E. Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Harald Kindermann; sehr geehrte Frau Bürgermeisterin von Herzlija, Jael German; sehr geehrte – ehemalige und zukünftige – Richter am Obersten Gerichtshof, unsere Freunde Gabriel Bach und Joram Danziger; sehr geehrter Herr Direktor des Österreichischen Forums, Dr. Benecke, sehr geehrter Herr Vorsitzender der Kommission zum 75.Jubiläum, Edi Cohen, liebe Gäste und Freunde:

Das Jahr 1932, in dem unser Irgun (Irgun Oleij Merkas Europa, zu Deutsch: Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft) gegründet wurde, war das Jahr, in dem sich das Schicksal Deutschlands und Mitteleuropas entschied. In diesem Jahr wurde das Ende der Weimarer Republik besiegelt, und Deutschland schickte sich an, den Weg zu beschreiten, der zum Zweiten Weltkrieg führte. Es war auch das Jahr des Urteilsspruches über das jüdische Volk, der Beginn der Via Dolorosa in die
größte Katastrophe seiner Geschichte, die Shoa. Die Schrecknisse jener Zeit sind uns allen mit Glüheisen unauslöschlich eingebrannt.

Der Narrativ der Einwanderer aus Mitteleuropa und vor allem der aus Deutschland ist in seinem tiefsten Wesen auch der Narrativ des Zionismus und der  Renaissance des israelischen Staates. Vision und Traum der Pioniere von einer neuen Gesellschaft, von einem nationalen Schutzraum gingen einher mit der Verdammung und Vertreibung aus einer einst geliebten Heimat, die nun immer fremder wurde. Etwa zweitausend von zionistischem Bewusstsein erfüllte Einwanderer trafen bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Erez Israel ein; einige von ihnen ahnten bereits damals, was sich am Horizont zusammenbraute. Parallel zur Verschärfung der politischen und wirtschaftlichen Krise im Herkunftsland wuchs der Strom der Einwanderer nach Erez Israel immer stärker an. Die Tausende von Mitgliedern zionistischer Organisationen, die sich auf ihre Alija vorbereitet hatten, stellten keineswegs die Mehrheit dar. Die meisten der bis 1939 Eintreffenden – es waren wohl zehn Prozent des mitteleuropäischen Judentums – kamen ohne jede Vorbereitung; sie kamen, weil sie von dort vertrieben wurden und weil sie unbedingt ein Asyl brauchten. Hier angekommen, verrichteten die meisten von ihnen in brennender Hitze ungewohnt harte Arbeiten, und ihre Fremdheitsgefühle vermischten sich mit der Sehnsucht nach dort und nach den dort zurückgelassenen Verwandten; hinzu kam Frustration über ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Abstieg und über die zum Scheitern verurteilten Versuche, die gewohnten strengen Normen auch im neuen Umfeld anzuwenden. Doch zu guter Letzt haben die meisten sich hier integriert, manche aus freiem Willen und manche, weil ihnen keine Wahl blieb. Sie waren stets Gegenstand von Scherzen, doch sie vergaßen nicht, auch über sich selbst zu lachen. Ihnen allen klebte man das Etikett „Jecke“ an, das im Verlauf der Jahre von einem Schimpf- und Spottwort und zu einer Art Ehrenbezeigung geworden ist, vor allem, nachdem Haim Cohn als Richter am Obersten Gerichtshof sein Geschichte machendes Urteil sprach.

Die Leistungen der Jeckes führten zur Blüte des Jischuws in Erez Israel und flossen ebenso wie ihr unerschütterlicher Pioniergeist in das Fundament unseres Staates ein. Sie hinterließen ihren Stempel auf vielen Gebieten: Kultur und Erziehung, Journalismus, Wissenschaft, Medizin, Justiz und Wirtschaft, sie fungierten als Mitbegründer von Universitäten, landwirtschaftlichen Siedlungen, der Industrie, der Schifffahrt und des Kapitalmarktes, der öffentlichen Verwaltung und des gesellschaftlichen Fortschritts; sie engagierten sich in der Verteidigung des Landes ebenso wie in der Zementierung unserer staatlichen Existenz in der Welt; sie sorgten für den Fortbestand des Staates in den verschiedenen Sicherheitsdiensten, in der Armee, im Nachrichtendienst und im diplomatischen Dienst. Vielen von ihnen gebührt Anerkennung für das Bemühen, die anderen Bewohner des Landes und der Region zu verstehen; sie studierten deren Kultur und Lebensweise in Theorie und Praxis und bekundeten stets ihren Abscheu vor allen Spielarten des Rassismus und der Intoleranz.

Die Art und Weise, wie im Jischuw Politik betrieben wurde, war ihrem Wesen fremd, weswegen es ihnen schwer fiel, hier einen Platz einzunehmen. Wenn ihnen hohe Ämter zuteil wurden, so wegen ihrer fachlichen Kompetenz oder weil sie Satellitenparteien vorstanden. Sie scheinen hierüber aber keine Tränen vergossen zu haben und wollten oder konnten sich nicht ändern und flexibler agieren.

Nach ihrer Ankunft hier im Land setzten die Einwanderer aus Mitteleuropa die lobenswerte Tradition des Wirkens innerhalb der Gemeinschaft fort und unternahmen rasch die notwendigen Schritte, um sich angesichts ihrer besonderen Bedürfnisse gegenseitig helfen zu können. In diesem Sinne wurde 1932 die Vereinigung der Einwanderer aus Deutschland gegründet, deren 75-jähriges Bestehen wir heute begehen. Die Vereinigung funktionierte von Anfang an auf der Basis gegenseitiger Hilfe auf allen erdenklichen Gebieten: Erlernen der neuen Sprache, berufliche Umschulung oder Fortbildung, Existenzgründung, Gewährung sozialer oder finanzieller Unterstützung und allgemeinen Beistand bei der Integration. Die typische israelische Floskel „das steht mir zu“ war unseren Gründungsvätern und ihren Nachfolgern unbekannt. Selbst als es bei den Repräsentanten des Establishments in Mode kam, sich bei verschiedenen Gruppen zu entschuldigen, verlangten die Jeckes keine Entschuldigung für die Schmach der ihnen zugedachten Schimpfnamen von denen, die sie anfangs verhöhnten und später zum Vorbild erhoben.

Wir dürfen zufrieden zurückblicken, sind wir doch die einzige und älteste noch aktive zionistische Organisation dieser Art, die sich unter Wahrung ihrer ursprünglichen Ziele und Werte den wechselnden Erfordernissen der Zeit anzupassen wusste. Wir sorgen für Hunderte von Senioren in den Elternheimen unserer Gemeinschaft und können ihnen ein gutes und gesichertes Alter versprechen; wir bewahren, in dankenswerter Zusammenarbeit mit unserem geschätzten größeren Bruder Steff Wertheimer, im Industriepark in Tefen im „Museum für deutschsprachiges Judentum – Zentrum für das Erbe der Jeckes“ die Erinnerung an das deutschsprachige Judentum und an seinen Beitrag zum Aufbau des israelischen Staates sowie die Geschichte seiner Verwurzelung im Land; wir zeigen diese Gruppe in ihrem Licht und in ihrem Schatten, daheim und in der Öffentlichkeit, ohne dabei falscher Nostalgie zu verfallen. Wir betonen stets: Wohl liegen unsere Wurzeln dort, doch wir und unsere Zukunft befinden uns hier. Wir bringen unsere Tradition der Öffentlichkeit und dem Erziehungswesen nahe. Wir helfen Hunderten von jungen Einwanderern aus Mitteleuropa. Wir betreiben ein bemerkenswertes Solidaritätswerk und können eine Zunahme der Privatinitiativen auf diesem Gebiet verzeichnen; wir sind Teil der Bestrebungen des jüdischen Volkes im Rahmen der Claims Conference, indem wir mit anderen Repräsentanten des deutschen Judentums dafür gestimmt haben, dass der Gegenwert des erbenlosen jüdischen Besitzes in der ehemaligen DDR den vom Naziregime Verfolgten in Israel und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zugute kommt. Für viele Menschen dort ist diese Hilfe lebensnotwendig, denn es gibt unter ihnen solche, die bisher keinerlei direkte Restitution erhalten haben. In dieser Haltung unterscheiden wir uns in ganz erheblichem Maße von anderen Organisationen, die weniger altruistisch denken.

All diese Aktivitäten spiegeln sich in der neuen Form unserer Zeitschrift Yakinton MB und in unserer Webseite im Internet wider. Wir setzen bei allen unseren Aktivitäten die Tradition der Freiwilligkeit fort und beteiligen inzwischen die zweite Generation sowie junge Neu-Einwanderer auf offen demokratische Weise an der Leitung des Irguns.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit im Namen des Präsidiums und im Namen aller den Freiwilligen meinen Dank aussprechen; ich danke allen Angestellten und Mitarbeitern, den ehemaligen wie den jetzt tätigen. Auch möchte ich an die Arbeit meiner beiden Vorgänger im Amt erinnern, die heute hier anwesend sind, Michael Kol-Nescher und Michal Katznelson, und ebenfalls derer gedenken, die nicht mehr unter uns weilen.

Doch das alles reicht noch nicht. Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, die wir uns selbst zugestehen oder die uns von anderen zugestanden werden. Wir werden den Irgun und die ihm angeschlossenen gemeinnützigen Gesellschaften so lange weiterführen, wie es gesellschaftlich, sachlich und moralisch gerechtfertigt ist, und müssen dabei stets auf der Hut sein vor gewissenlosen Immobilienhaien oder politischen Funktionären, die sich des öffentlichen Besitzes bemächtigen möchten. Gleichzeitig ist uns auch eine allgemeine öffentliche Verpflichtung auferlegt. Wer wie wir mit Normen erzogen wurde, zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und zur Rechtsstaatlichkeit, zur Arbeit, zur Produktivität, zur möglichst ausgezeichneten Leistung, der hat – sowohl als einzelner wie als Mitglied eines Verbandes – die Aufgabe, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit unsere Zivilgesellschaft den Basiswerten der Begründer des Zionismus und des Staates Israel die Treue hält. Dies sollte auf der Tagesordnung des Irguns, seiner Mitglieder und der gesamten Öffentlichkeit an erster Stelle stehen.


Reuven Merhav
, als Sohn deutscher Einwanderer (Familie Dr. Markowicz) im Land
geboren, ist in Haifa aufgewachsen. Nach dem Armeedienst trat er einem Kibbuz bei, absolvierte anschließend ein Universitätsstudium (Orientalistik und Sprachen), schloss er sich dem Nachrichtendienst an und bekleidete dort jahrelang führende Positionen. Anschließend war er Generaldirektor im Außenministerium und im Ministerium für Einwandererabsorption. Seit seinem Ausscheiden aus dem Regierungsdienst ist er unter anderem Präsidiumsvorsitzender der Vereinigung der Israelis aus Mitteleuropa und wurde 2006 zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Claims Conference gewählt.