Aus den Medien

60 Jahre Israel: Der Beitrag der deutschen Juden – Jeckes in Israel/VON JENNIFER RAPPE, TEL AVIV

Im Mai 2008 feiert Israel sein 60-jähriges Bestehen. Doch schon in den Jahrzehnten
vor 1948 wurden im damaligen Palästina die Grundsteine für den unabhängigen jüdischen Staat gelegt. Viel Pionierarbeit leisteten die deutschsprachigen Einwanderer (»Jeckes«), die ab 1933 ins »Gelobte Land« flohen.

JECKES – Im Brunnen der Seele/ VON JENNIFER RAPPE, TEL AVIV

Michal Rothschild ist amüsiert. „Wenn ich meinen Vater treffe“, erzählt die Israelin, „muss ich mich beeilen, nicht zu spät zu kommen. Er kann es gar nicht leiden, wenn ich ihn warten lasse.“ Dabei ist in Israel kaum jemand pünktlich. „Wir sind hier im Orient“, sagen viele Israelis mit einem Schulterzucken. Die 34-jährige Michal sieht das genauso. Was ihren Vater Dan betrifft, macht sie eine Ausnahme. Die Rothschilds leben in der dritten Generation in Israel. Michals Familie stammt väterlicherseits aus Deutschland und kann ihre Wurzeln dort bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen.In den 1930er-Jahren sind Michals Großeltern Siegfried und Elsa vor den Nationalsozialisten ins damals britische Mandatsgebiet Palästina geflohen. Wie rund 60000 andere deutschsprachige Juden, die zwischen 1933 und 1939 ins Land gekommen waren. Sie fielen auf, denn sie waren so pünktlich, fleißig und ordentlich. In Israel wurden sie deshalb „Jeckes“ genannt.

Auch Siegfried und Elsa Rothschild bewahrten sich ihre bürgerlichen deutschen Werte in der neuen Heimat und gaben sie an den Sohn weiter. Am Anfang sprachen sie in der Familie nur Deutsch, später auch Hebräisch. Michals Großmutter kochte weiter deutsche Hausmannskost. „Wenn ich zu Besuch war, gab es Leberknödelsuppe, Apfelstrudel oder Kraut mit koscheren Würsten“, erinnert sich Michal. Ihr Großvater betrieb bis 1955 in der Rambanstraße mitten in Jerusalem das beliebte Café „Rehavia“. Das gleichnamige Stadtviertel war damals eine Hochburg der Jeckes. Dort gab es viele Kaffeehäuser, in denen deutschsprachige Emigranten Kaffee mit Schlagsahne und ein Stück Kuchen bestellten. „Meine Großeltern hatten immer Sehnsucht nach der deutschen Kultur, nach der Landschaft und dem Essen“, sagt Michal. Es schien, als schöpften sie im gelobten Land aus dem Brunnen ihrer Seele.

In ihrer Wohnung bewahrt sie ein Foto auf, das ihre verstorbene Großmutter Elsa als junge Frau mit blonden, welligen Haaren zeigt. Michals Haare sind lang und dunkel. Das schöne Gesicht mit dem bezaubernden Lächeln ist das gleiche. „Ich fühle mich als Israelin“, betontMichal, die beide Staatsbürgerschaften besitzt.

Als Enkelin deutscher Juden hat sie von ihrem Recht Gebrauch gemacht, den deutschen Pass zu beantragen. So konnte sie 2003 ohne Visum eineinhalb Jahre in Berlin leben und an der Universität der Künste Medienkunst studieren. In ihren Werken verbindet sie Malerei und Bildhauerei mit Videoinstallationen. Verständigt hat sie sich mit ihren deutschen Professoren und Studienkollegen auf Englisch. „Mein Deutsch ist nicht so gut“, sagt sie entschuldigend. „Mein Vater spricht es oft mit meinem Großvater, und ich höre gern zu.“

Deutsch zu reden, das fällt Ira Rosen nicht schwer. „Wie geht's?“, fragt er, als er pünktlich zum verabredeten Treffpunkt am Dizengoff-Platz im Zentrum der Mittelmeermetropole Tel Aviv erscheint. Der 28-Jährige mit den kurz geschorenen, dunkelblonden Haaren und dem Dreitagebart lernt die für ihn zugleich vertraute und fremde Sprache seit fünf Jahren am Goethe-Institut. In Tel Aviv studiert Ira Stadtplanung und schreibt für die israelische Tageszeitung „Haaretz“, eine der größten des Landes. Seine Großmutter mütterlicherseits kam aus Wien. „Wahrscheinlich habe ich deswegen angefangen, Deutsch zu lernen“, erzählt er.

„Als sie noch lebte, habe ich sie einmal gefragt, ob sie nicht ein bisschen mit mir üben könnte. Sie meinte, ich könne ihren Wiener Akzent sowieso nicht verstehen, und hat nach ein paar Sätzen schnell wieder Hebräisch gesprochen.“

Die Beziehung seiner Großmutter zur Vergangenheit blieb zwiespältig. Sie las zwar weiterhin deutsche Bücher und schrieb auf Deutsch Briefe an ihre Geschwister, gab die Sprache aber nicht an ihre Kinder und Enkel weiter. „Meine Großmutter war immer sehr ordentlich angezogen und legte viel Wert auf gute Manieren“, erinnert sich Ira und lümmelt auf seinem Stuhl herum. Ihm blieb als Enkel die strenge Erziehung erspart. „Aber das Interesse an Bildung, an Theater, Kultur und Literatur, das kommt ganz klar von meiner Großmutter. Und das hat sie an uns vererbt.“

Die deutschsprachigen Einwanderer in Israel und ihr Vermächtnis an die Nachkommen, mit diesem Thema beschäftigt sich auch die „Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft“. Ihre Präsidentin Devorah Haberfeld ist selbst die Tochter österreichischer Einwanderer. Die Frau mit den kurzen roten Haaren wird oft gefragt, was vom Erbe der deutschsprachigen Juden übrig geblieben ist. „Von der Sprache und der Geschichte geht viel verloren“, sagt sie. Und ist überzeugt: „Aber die Werte und manche Traditionen überleben auch in den nachfolgenden Generationen.“

Vor kurzem hat ihre Organisation 75-jähriges Jubiläum gefeiert. Voller Stolz gedachten die zahlreichen, meist älteren Teilnehmer des Beitrags der deutschsprachigen Emigranten zum Aufbau des Staates Israel. Es tat ihnen gut, sich daran zu erinnern, wie nachhaltig sie damals die israelische Gesellschaft in den Bereichen Wirtschaft, Justiz, Medizin, Kultur, Architektur und Erziehung geprägt haben. Auch der 84-jährige Abraham Frank war bei der Jubiläumsfeier. Seit langem ist er in der Vereinigung der deutschsprachigen Einwanderer aktiv. Als 13-Jähriger wanderte er 1936 mit seinen Eltern aus Stuttgart ins damalige Palästina ein, die meiste Zeit seines Lebens hat er in Israel verbracht. Und doch ist die Jerusalemer Wohnung des gelernten Buchhändlers voller alter, aus Deutschland mitgebrachter Bücher – darunter Klassiker wie Goethe, Heine oder Rilke. Noch größer ist die Sammlung religiöser Werke, die ganze Regale füllt. Er hat sie von seinem Großvater und Vater geerbt.

Abraham Frank hat niemanden, an den er seine deutschen Bücher weitergeben kann. Seine Kinder haben kaum noch einen Bezug zur deutsch-jüdischen Vergangenheit. „Nur mein ältester Sohn versteht noch Deutsch, spricht es aber ungern.“ Abraham Franks Kinder sind „Sabres“, wie die im Land geborenen jüdischen Israelis genannt werden. Sie wuchsen in einer Zeit auf, in der Deutsch noch als Sprache der Nazis galt und daher tabuisiert war.

Damit seine Familiengeschichte nicht in Vergessenheit gerät, hat Abraham Frank vorgesorgt. Der alte Mann mit dem sorgfältig frisierten grauen Haar und dem kurzärmeligen, karierten Hemd hat mehrere Bücher über seine deutsch-jüdischen Vorfahren herausgegeben und Wissenschaftlern aus Deutschland zahlreiche Dokumente anvertraut. In wenigen Wochen zieht er in ein Altersheim. Es wird von der „Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft“ betrieben. Ihr Solidaritätswerk sorgt für die betagten deutschsprachigen Einwanderer.

Dass die gegenseitige Unterstützung schon damals wichtig war, daran kann sich Hanna Liebenthal gut erinnern. „Freunde meines Vaters, die schon hier lebten, haben uns geholfen, 1939 die Ausreisegenehmigung für Palästina zu bekommen. Und als wir in Tel Aviv ankamen, wohnten wir zunächst eine Weile bei ihnen.“

Die 81-jährige Innenarchitektin sitzt auf ihrer von Grünpflanzen umgebenen Dachterrasse in Tel Aviv, ein paar Straßen vom Dizengoff-Platz entfernt. Die Nachbarschaft ist von weißen Häusern im Bauhaus-Stil deutsch-jüdischer Architekten geprägt. Mehrmals steht die alte Dame mit den kurzen hellbraunen Haaren und der sonnengebräunten Haut auf, um nach alten Fotos zu suchen.

Sie bringt ein Bild vom damaligen „Palestine Philharmonic Orchestra“, in dem ihr Vater einst als Schlagzeuger spielte. Früher hatte er in Berlin eine Rechtsanwaltskanzlei. „Er hat es noch gut getroffen, weil er musikalisch begabt war. Zudem kamen viele seiner Kollegen im Orchester auch aus Deutschland“, sagt Hanna Liebenthal. „Viele andere deutschsprachige Einwanderer fanden sich aber plötzlich als Bäcker, Fensterputzer oder Bauarbeiter wieder.“

Sie stellt Kaffee und Gebäck auf den Tisch und erzählt, wie sie damals das Gymnasium in Tel Aviv ohne Abschluss verließ, wegen mangelnder Hebräischkenntnisse. Ohne die neue Sprache ging es zunächst auch. Hanna besuchte die Kunst- und Handwerksschule Bezalel in Jerusalem, wo deutsche Juden unterrichteten. Heute, sagt sie, spreche sie Hebräisch jedoch fließend. Israel ist ihre Heimat geworden.

Nach Berlin will sie nicht zurück. Nur die Fotos ihrer Familie, die Urkunden und Dokumente, die ihre Eltern auf der Flucht aus Deutschland mitgenommen haben, die möchte sie gut aufbewahrt wissen. Sie ist nicht die Einzige. Viele betagte deutschsprachige Einwanderer oder ihre Nachkommen bringen ihr deutsch-jüdisches Erbe zu Ruth Ofek. Sie ist Kuratorin im „Museum des deutschsprachigen Judentums“ in Tefen, mitten in der grünbraunen Hügellandschaft Westgaliläas im Norden Israels. In einer Dauerausstellung wird hier die Geschichte des deutschsprachigen Judentums und sein Beitrag zum Aufbau des Staates Israel dargestellt.

Ruth Ofek, eine gebürtige Salzburgerin, und ihre Mitarbeiter verwalten außerdem die Nachlässe von mehreren hundert Familien. „Ich sage den Kindern und Enkeln oft: ‚Bevor ihr die Sachen wegschmeißt, bringt sie uns‘“, erzählt die Kuratorin. Besonders Schulklassen gehören zu den Besuchern der Ausstellung. Die Geschichte der deutschsprachigen Einwanderer ist zum Museumsgut geworden, ihre Identität ein Bestandteil der israelischen Seele.

Spottwort oder Kosename

Es gibt mehrere Erklärungen dafür, warum die deutschsprachigen Einwanderer in Israel spöttisch „Jeckes“ genannt wurden. Angeblich zogen die deutschen Juden wegen ihrer guten Manieren selbst bei Hitze nie ihre Jacke aus. Es kann sich aber auch um die hebräische Abkürzung des Ausdrucks „jehudi kasche havana“ handeln – ein Jude, der schwer von Begriff ist. Tief in der deutschen Sprache und Kultur verwurzelt, lernten viele Emigranten Hebräisch nur mit Mühe. Heute leben die Jeckes und ihre Nachkommen in der dritten Generation in Israel. Vor einigen Jahren entschied der aus Deutschland stammende Richter Haim Cohn am Obersten Gerichtshof in Israel, dass der Begriff „Jeckes“ keine Beleidigung mehr sei, sondern ein Ehrentitel.

© Rheinischer Merkur Nr. 1, 03.01.2008