Gedenkfeiern der Pogrome maßgeblich mitgestaltet/ Von Micha Limor

Gedenkfeiern der Pogrome maßgeblich mitgestaltet/ Von Micha Limor

Neben den Gedenkstunden der Regierung und der Knesset an den Pogrom gegen die deutschen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erinnerten am Sonntag, den 9. November zwei weitere Veranstaltungen mit offiziellem Charakter an die Gewalttaten, die die Schoa einleiteten. An beiden war die Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft maßgeblich beteiligt. Die erste fand am Vormittag des 9. November in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem statt.

Prof. Jehuda Bauer: „Novemberpogrom“ ist zutreffender

Im Mittelpunkt der Gedächtnisfeier in Yad Vashem stand ein Vortrag des bekannten Historikers und Schoa-Forschers Prof. Jehuda Bauer (jeckischer Herkunft), der auch als wissenschaftlicher Berater der Erinnerungsstätte fungiert. Prof. Bauer schlug vor, die schrecklichen Ereignisse nicht länger „Kristallnacht“ zu nennen, sondern stattdessen die faktisch angemessenere Bezeichnung „Novemberpogrom“ zu verwenden. Den Ausdruck „Kristallnacht“ (für Gewalttaten wie das Zertrümmern von jüdischen Geschäften, Verbrennung heiliger Bücher und Anzünden der Synagogen) brachten die Nazis selbst in Umlauf, um das Ausmaß der Schändung herunterzuspielen, als wäre nur Kristall zu Bruch gegangen. Weiter erklärte Prof. Bauer, die Historiker, die eine Verbindung herstellten zwischen den Novemberpogromen und der Schoa einerseits und der Gründung des Staates Israel andererseits, hätten sich geirrt und fast alle Nationen und viele Israelis hätten sich dieser irrigen Auffassung angeschlossen. Die Forschungsergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass der Staat Israel trotz der Schoa entstanden ist und nicht wegen und infolge der Schoa.

Es ist eine historische Wahrheit, sagte Prof. Bauer, dass die Schoa die Entstehung des Staates fast verhindert hätte. Die Formel laute: „Weniger Schoa – mehr Medina! Mehr Schoa –
weniger Medina!“
(Medina: hebr. Staat) Die Schoa hat die Staatsgründung nicht beschleunigt, im Gegenteil, ohne die Schoa wäre der Staat schon früher gegründet worden. Prof. Bauer stellte fest, dass nicht die Leitung des Jischuw in Palästina die übriggebliebenen Flüchtlinge (ca. 300.000 Juden waren nach dem Mord an den 6 Millionen noch am Leben) ins Land gerufen hat, um den im Werden begriffenen Staat zu stärken, es waren vielmehr die Flüchtlinge, die darum baten, man möge ihnen die Tore des Landes öffnen, und die dann auf die Gründung eines Staatswesens drangen. Und als die Vereinten Nationen diese Bitte endlich erfüllten, hatte das vielmehr mit der Politik der Großmächte im Nahen Osten zu tun als mit der Schoa.

Reuven Merhav: Holocaustleugner sind Abschaum der Menschheit

Reuven Merhav, der Präsidiumsvorsitzende der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft (auch Vorsitzender der Exekutive der Claims Conference) griff vom Podium in Yad Vashem aus die Holocaustleugner von Teheran bis Großbritannien, Deutschland und Österreich heftig an. Er zitierte den amerik
anischen General Dwight D. Eisenhower, den Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen, die die Vernichtungslager befreiten. „Eines Tages wird es Leute geben, die diese Ereignisse abzustreiten versuchen. Deswegen müssen wir alles im Bild festhalten und dokumentieren.“ Eisenhower hat Recht behalten. Reuven Merhav rief dazu auf, die Erinnerungsarbeit zu intensivieren und das Erbe unserer Eltern zu bewahren – eine Aufgabe, der sich unsere Vereinigung Tag für Tag widmet.

Die Botschafter geloben, nicht zu vergessen

Die beiden anwesenden Botschafter, Dr. Harald Kindermann aus Deutschland und Mag. Michael Rendi aus Österreich, versprachen im Namen ihrer Heimatstaaten jeder auf seine Art, sich für das historische Gedenken einzusetzen. Der deutsche Botschafter wich nach einem Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm „Menachem und Fred“ vom vorbereiteten Redetext ab und erzählte sichtlich bewegt, dass seine Eltern ihm so lange wie möglich verheimlicht hätten, was vor seiner Geburt in Deutschland geschehen war und welchen Anteil sie daran gehabt hatten. Der österreichische Botschafter seinerseits gab zu, dass sein Land lange gezögert hätte, sich zu seinem Teil der Verantwortung am November-Pogrom und der Schoa zu bekennen. Mag. Rendi erklärte laut und vernehmlich, dass Österreich sich heute zu seiner historischen Verantwortung bekenne.

Junge Deutsche, Flugkadetten und ein Trio

Die Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft sorgte in der Veranstaltung, die sich von 10.00 Uhr bis in die Nachtmittagsstunden erstreckte, auch für Optimismus und Hoffnung. Sie traten in Gestalt hochgewachsener, kräftiger Jungpiloten mit Flugabzeichen und ehrenvoll dekorierten Achselstücken auf. Anwesend waren auch junge Deutsche, Freiwillige der „Aktion Sühnezeichen“, die in den Seniorenheimen unserer Vereinigung gute Dienste leisten. Das israelische „Trio Atar“ (Piano, Cello und Geige) gab in den Pausen von Jeckes komponierte Musikstücke zum Besten. In der vollbesetzten Halle saßen Dutzende von Mitgliedern unserer Vereinigung, unter ihnen Augenzeugen der Novemberpogrome. Nach dem Vortrag und den verschiedenen Reden wurde im „Ohel Jiskor“ eine traditionelle Gedenkzeremonie abgehalten, dann folgte ein Gang durch die Erinnerungsstätte.

Eine Welt geht in Flammen auf

Die Abendveranstaltung auf der Dachterrasse über den Mischkenot Scha’ananim im Yemin-Mosche-Viertel fand vor einer atemberaubenden Kulisse statt: die angestrahlte Altstadtmauer, die Zitadelle mit dem Davidsturm, die Windmühle. Um 20 Uhr wurde die Feuerpfanne auf dem Boden einer von de
r Jerusalemer Künstlergruppe „Zik“ eigens für dieses Ereignis geschaffenen Installation entzündet. Die Installation gemahnt an einen mit Scherben übersäten Synagogenboden, und die lodernden Flammen erzeugten den Eindruck einer brennenden Gebetsstätte. Die Künstlergruppe „Zik“ schuf das Werk nach dem Modell einer bei Ausgrabungen auf den Golanhöhen freigelegten Synagoge. Es sprachen Wohlfahrtsminister Jitzchak Herzog, wiederum der deutsche und der österreichische Botschafter sowie der Direktor des Kulturzentrums Mischkenot Scha’ananim. Anschließend fand man sich im Auditorium zum ersten Podiumsgespräch der dieswöchigen Gesprächsserie „Das Novemberpogrom aus dem Abstand von 70 Jahren gesehen“ zusammen (ebenfalls von der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft organisiert).

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